The End, My Friend ...

Was fasziniert uns wohl am Ende der Welt? Ist es vielleicht der Traum von einem Neuanfang? Die geistige Flucht aus einer festgefahrenen Gesellschaft, die scheinbar keinen Raum mehr für echte Abenteuer bietet? Der Eindruck von belanglosem Kommerz, der unser Leben fest im Griff hat? Eine düstere Sehnsucht danach Selbstjustiz in einer ungerechten Welt üben zu können? Sehnen wir uns insgeheim nach einem Überlebenskampf, statt in den nächsten bis-24h-geöffnet-Supermarkt marschieren zu können, wo wir jede Menge Lebensmittel einkaufen können, von denen wir die Hälfte wieder weg werfen müssen, weil sie verdorben sind, bevor wir sie essen konnten? Ist es der Verlust unseres Respektes vor der Natur oder die Furcht vor einer selbst geschaffenen, künstlichen Intelligenz die ihre Erbauer eines Tages vernichtet? Ist es vielleicht auch eine Art Platzangst vor der zunehmenden Überbevölkerung und die immer enger und lauter werdende Welt in der wir leben? Glauben wir die Probleme einer postapokalyptischen Ära wären einfacher zu bewältigen als die der gegenwärtigen Gesellschaft?

Coverbild: The End, My Friend

Sicherlich hat jeder Leser und jede Leserin eigene Gründe, weshalb sie das Endzeitszenario fasziniert, doch was es auch letztlich sein mag, es findet in jeder neuen Generation neue Anhänger und das nicht nur in Film und Fernsehen und zahlreichen Computerspielen.

Es begann anno dazumal mit verschiedenen religiösen Schriften in denen eine göttliche Macht mit dem Weltuntergang droht, wenn wir uns zu sehr daneben benehmen. Ein Endzeitgedanke der sich erstaunlich beharrlich seit Jahr 1 hält (womit nicht unbedingt der christliche Kalender gemeint ist, die Maya z.B. waren ja schon sehr viel früher dran mit ihren Weltuntergangs-Vorhersagen) und ebenso lange die einzige große Furcht der Menschheit war. Doch mit dem Fortschritt kamen die Ideen an völlig neuartige Katastrophen. In den 1960er Jahren z.B. saß einem die Bedrohung der nuklearen Auslöschung der Menschheit in Form des Kalten Krieges im Nacken und als man sich davon einigermaßen gelöst hatte, fing der Mensch an sich Gedanken über explodierende Kernkraftwerke, Meteoriten aus dem All, den Überfall durch Außerirdische oder eine rachsüchtige Natur zu machen.

Schon 1662 erschien mit The Day of Doom von dem amerikanischen Autor Michael Wigglesworths wohl einer der ersten, wenn nicht sogar der erste Roman (eigentlich war es eher ein richtig langes Gedicht …) im Genre der Endzeitliteratur. Vor allem die postapokalyptischen Szenarien haben es den Menschen wohl angetan. Dabei zählt meist nicht so sehr wie es zum Ende kam, sondern vielmehr das, was die Überlebenden oder sogar erst deren Nachkommen, daraus machen. Egal ob der Roman nun stärker in der Fantasy oder doch mehr in der Science Fiction zu verorten ist, die Trennung der beiden Genres ist selten schwieriger gewesen (Beispiele: Amtrak Wars, Moondark Saga), werden meist Szenerien beschrieben, in denen sich neue Gesellschaften aus den Resten unserer zerstörten Zivilisation gebildet haben. Die Protagonisten haben häufig nur vage Informationen darüber, was zur beinahe-Auslöschung der Menschheit geführt hat, klar ist nur, dass eine Katastrophe die alten Verhältnisse beendet und die Menschen in (zumeist) vorindustrielle Verhältnisse zurückbefördert hat. Diese Katastrophe äußert sich z.B. The Chrysalids von John Wyndhamin Form nuklearen/kriegerischen (Beispiele: The Chrysalids - John Wyndham, The City of Ember, ff. - Jeanne DuPrau, Undersea - Geoffrey Morrison, Nach der Bombe - Philip K. Dick), biologischen (Beispiele: I am Legend - Richard Matheson, Falling Sky - Rajan Khanna, World War Z - Max Brooks, Y: The Last Man - Brian K. Vaughn, The Walking Dead - Robert Kirkman & Tony Moore), künstlich intelligenten (Beispiel: Do Androids Dream of electronic Sheep? aka. Blade Runner - Phillip K. Dick) und gelegentlich auch außerirdischen Ursprungs (Beispiel: Krieg der Welten - H.G. Welles) oder die Natur rächt sich am Menschen (Beispiel: Die Triffids - John Wyndham). Bezeichnend ist letztlich eines: es ist ein dystopisches Umfeld mit der Verheißung eines Neuanfangs. Nicht selten wird die alte Zivilisation dabei als Vorbild genommen, als ein Ideal, das man wieder erreichen möchte in einem Zustand der Anarchie wo das Gesetz des Stärkeren gilt (Beispiele: Lobgesang of Leibowitz - Walter M. Miller, Jr., Pelbar-Zyklus - Paul O. Williams). Gleichzeitig ist den verbliebenen Menschen meist bekannt, dass sich die alte Gesellschaft selbst zerstört hat und man versucht nun, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, womit auch schon der erste Konflikt geschaffen ist. In vielen Werken wird dabei der Wille zum richtigen Verhalten in einen (religiösen) Fanatismus verkehrt, der das genaue Gegenteil bewirkt ohne dass dies den Protagonisten bewusst ist. Wurde die Menschheit hingegen von Außerirdischen überfallen oder von einer Naturkatastrophe überrascht, ist vor allem die Rückeroberung der Erde das Kernthema, das wieder-bewohnbar-machen oder der Wiederaufbau einer Gesellschaft, die sich an einer glorifizierten Vorstellung preapokalyptischer Verhältnisse orientiert.

The Hunger Games von Suzanne Collins
Es gibt natürlich, gerade in jüngster Zeit, noch etliche dystopische Romane insbesondere im Jugendbuchbereich, die versuchen ein wenig in die Richtung postapokalyptischer Szenarien zu gehen. Dort wird ebenfalls eine futuristische Gesellschaft angedeutet, die sich nach einem großen Konflikt, in der Regel einem Krieg, ergeben hat. In The Hunger Games (Suzanne Collins) beispielsweise sind die USA in Distrikte aufgeteilt worden und man erfährt eigentlich nur, dass es vor ca. 75 Jahren - die genaue Jahreszahl nach unserer Rechnung ist unbekannt - einen Aufstand gegeben hat. Andere aktuelle Werke finden wir in The Maze Runner (James Dashner), Divergent (Veronica Roth) oder The Host (Stephenie Meyer), die wir inzwischen auch alle auf der Leinwand bewundern dürfen. Anders als bei den zumeist älteren Romanen konzentrieren sich die Konflikte hier aber verstärkt auf romantische Verstrickungen der Protagonisten innerhalb einer andersartigen Welt, die mehr ein kosmetischer Faktor als ein handlungsrelevanter oder gar kritischer Teil der Geschichte ist. Die Romane kommen daher eher seicht daher, im Vergleich zu den meisten der weiter oben erwähnten Titel. Zudem ist zwar eine deutliche Zerstörung der einstigen Gesellschaft, manchmal auch der Städte zu bemerken, die Technologie ist dafür der unsrigen weit voraus.

Ob man nun die klassische Postapokalypse bevorzugt oder die leichtere Jugendbuch-Kost hängt ganz vom eigenen Geschmack ab. Als Einstieg für komplette Neulinge eignen sich die Jugendbücher sicherlich auch für Erwachsene, da sie einen vielleicht etwas langsamer an das Thema heranbringen und den Geschmack daran wecken. Auf lange Sicht stellen sie aber das dar, was auch die Hohlbein-Bücher für mich waren: eine Einstiegsdroge in ein sehr spannendes Themengebiet der Buchwelt. Mal mehr, mal weniger gesellschaftskritisch, manchmal philosophisch und mit einer stets wandlungsfähigen Definition der Zielgruppe, ziehen uns die verschiedenen AutorInnen in ihren Bann. Insgesamt scheint das Thema Post-Apokalypse ein Thema mit vielen unterschiedlichen Facetten zu sein das nie langweilig wird und ich habe hier vermutlich nur die Oberfläche angekratzt.

Gibt es irgendwelche Meinungen, Kritiken oder weitere Vorschläge dazu? Es würde mich interessieren was andere an diesem Subgenre der SFF fasziniert und welche Bücher sie empfehlen würden.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/the-end-my-friend