Starker Anfang, fader Ausklang

We Are All Completely Fine - Daryl Gregory

Ein Buch über eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die Opfer oder Zeugen übernatürlicher Phänomene geworden sind, ist Mal etwas anderes im Fantasy-/ Horrorregal. Ich gestehe, dass ich hier etwas eher humorvolles erwartet hatte, was allerdings nicht der Fall war.

In We Are All Completely Fine (dt.: Uns geht’s allen total gut) treffen wir auf fünf traumatisierte Patienten und ihre Therapeutin. Alle Mitglieder der Gruppe sind verschlossen und keiner traut dem anderen. Wie zu erwarten beginnt der Roman also zunächst damit, dass sich die Patienten untereinander erst kennenlernen und Vertrauen zueinander finden müssen. Innerhalb der Gruppe sind zunächst alle, mit Ausnahme von Stan, eher verschlossen und geizen mit Informationen darüber, was ihnen eigentlich im Detail passiert ist. Das erfährt man erst nach und nach in perspektivisch wechselnden Kapiteln. Die Erzählform passt zu der Geschichte und zeigt auf, welche Geheimnisse die Patienten trotz ihrer Selbsthilfegruppe nicht zu teilen bereit sind, mit welchen inneren Dämonen sie sich alleine schlagen. Während andere diese stetigen Perspektivwechsel bemängeln, fand ich das sehr spannend.

Die Figuren in We Are All Completely Fine haben durchaus schaurige Dinge hinter sich. Einer hat die Gefangenschaft in einer kannibalischen Familie überlebt, wenn auch stark verstümmelt. Ein anderer ist ein Ex-Dämonenjäger und noch ein anderer kann als einziger Monster sehen, die boshafte Ideen in die Köpfe der Menschen flüstern. Besonders unter die Haut gegangen ist mir die Geschichte einer Frau, die einen Serienmörder überlebt hat, seither aber keine Ruhe findet, weil er eine Nachricht in ihre Knochen eingeritzt hat. Dass sie nie die Gelegenheit hatte herauszufinden was das für eine Nachricht ist, treibt sie seither um. Die einzelnen Hintergrundgeschichten sind dabei alle recht verstörend und mal mehr, mal weniger eindringlich, zeichnen aber alle ein sehr individuelles Bild der Figuren. Mit der soliden Charakterzeichnung fing das Buch also zunächst vielversprechend an, auch wenn sich innerhalb der Gruppe eine recht klassische Rollenverteilung zeigt. So feinden sich die männlichen Gruppenmitglieder zunächst offen an, während die Frauen entweder eingeschüchtert schweigen oder zu schlichten versuchen.

Leider driftet die zweite Hälfte des Romans dann immer weiter in eine wenig überraschende Allerwelts-Horrorgeschichte ab ohne tatsächlich gruselig zu sein. Eine Entwicklung die ich als recht schade empfunden habe, da es mich viel mehr interessiert hätte zu erfahren, wie die Patienten weiter mit ihren schrecklichen Erinnerungen oder noch ungelösten Problemen zurechtkommen. Stattdessen befindet man sich plötzlich wahlweise auf der Flucht vor – oder auf der Suche nach – einem Djinni-Kult,rast quer durch irgendeine US-Stadt deren Name ich schon wieder vergessen habe (war es New York? … hm), Gebäude werden dem Erdboden gleichgemacht, Menschen sterben, dämonische Kreaturen kriechen nebenbei durch die Straßen. Was mir sehr missfallen hat war, dass hier mit dem Djinni-Thema zwar mal eine fernöstliche Sagengestalt benutzt wird, leider wird der ebenso fernöstlich stämmige (rein weibliche) Kult zum Feindbild und wie eine Art Schläferzelle präsentiert, die auf den einen großen Moment des Zuschlagens wartet. Gegen wen genau der Kult sich richtet erfährt man übrigens nicht, aber sie haben diese besondere Waffe für irgendein Ereignis, auf das sie warten. Ob dieser Fremdenfeindliche Eindruck nun vom Autor provoziert war möchte ich dabei gar nicht unterstellen, mir als Frau und in einer Zeit, in der Fremdenfeindlichkeit wieder ein verstärktes Thema ist, fällt das einfach nur sehr negativ auf. Der Kult benutzt zudem das „unschuldige weiße Mädchen“ für seine Machenschaften und spätestens da waren es mir zu viele der unglücklich kombinierten Kleinigkeiten. Nebenbei schwingt da auch noch so ein halb subtiler Männerhass in dem Frauenkult mit. Ich weiß nicht genau worauf der Autor damit hinaus wollte. Vielleicht hat er bloß versucht auf gewisse Problematiken hinzuweisen, doch zumindest bei mir ist er damit gescheitert und hat bei mir zwei recht negative Theorien aufkommen lassen. Wegen all dieser Kleinigkeit weigere ich mich jedenfalls dieses Buch als Diversity-Read zu deklarieren, auch wenn arabische Frauen und Djinnis drin vorkommen.

So ganz kann ich das Buch also leider weder empfehlen noch davon abraten. Die erste Hälfte war gut und vielversprechend, sprachlich gut gemacht und die Idee der Selbsthilfegruppe war mal etwas Neues. Auf der anderen Seite nimmt die zweite Hälfte eine bedeutungslose Wende und überhäuft sich mit Klischees und Vorurteilen – oder von mir aus auch unbewusst unterstützten Vorurteilen. Ich hätte gerne mehr im Stil der ersten Hälfte gelesen und dafür auf die viel zu schnell erzählte zweite Hälfte verzichtet, die noch dazu mit etlichen offenen Fragen endet. Der erhoffte Humor ist selbstredend auch ausgeblieben.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/w/we-are-all-completely-fine