Noch mehr Schneekönigin!

The Raven and the Reindeer - T. Kingfisher

Die Teenager Kay und Gerta kennen sich seit ihrer Geburt und verbringen viel Zeit miteinander. Doch während Gerta sich beinahe bis zur Lächerlichkeit anbiedert um Kays Zuneigung zu gewinnen, macht der sich eines Nachts mit der Schneekönigin davon. Gerta, die nur zusehen kann wie der Freund verschwindet und sicher ist, dass er verzaubert wurde, begibt sich bald darauf selbst auf den Weg um ihren geliebten Kay aus den Händen der Entführerin zu befreien. Auf ihrem Weg in den kalten Norden wo ewiger Winter herrscht, findet Gerta ihre eigene Stärke, neue Verbündete und eine Welt voller Magie, die nicht immer freundlich ist.
Ein altes Märchen in völlig neuer Gewandung!

 

 

»In all the old stories, the only thing that ever won was love. And occasionally a good sharp knife.«

 

Die Neuinterpretation von Märchen erfreut sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Eine großartige Entwicklung für alle Märchenfreunde. The Raven And The Reindeer ist eine solche Nacherzählung die auf Hans-Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin basiert, der Vorlage aber ein paar zeitgemäße Wendungen und Sichtweisen verpasst. Mit einer erzählerisch starken und gewitzten Autorin wie Ursula Vernon – die hier wie bei all ihrer Erwachsenenliteratur unter dem Pseudonym T. Kingfisher auftritt – wird mit eingestaubten Klischees abgerechnet.

Der Anfang von The Raven And The Reindeer allerdings zieht sich etwas und zumindest mir ist der Einstieg doch ziemlich schwer gefallen. Der Grund dafür ist, dass die Autorin eine sehr stark feministisch geprägte Linie verfolgt und das zu Beginn ihrer Geschichte derart ausreizt, dass einen die moralische Keule und die überdeutliche Kritik am gängigen Frauencharakter schnell in einen Genervtheitszustand befördert. Ein bisschen weniger hätte es sicher auch getan, denn so hätte ich diese eigentlich sehr schöne Erzählung beinahe abgebrochen, wenn da nicht Gertas gnadenlos ehrliche Großmutter mit der rettenden Prise Witz und Biss gewesen wäre. Die alte Dame ist nämlich um keine kesse Bemerkung verlegen, verpasst ihrer Enkelin dezente Dämpfer und versucht sie zu ermutigen ihren Horizont doch ein wenig zu erweitern und Kays abweisendes Verhalten zum Beispiel nicht als gut verborgene Liebe zu glorifizieren. Gut, dass geht an Gerta erstmal vorbei, aber die Leserschaft vermag es bei Laune zu halten.

In dieser Neuerzählung ist Kay also von Anfang an ein eher unterkühlter Zeitgenosse der Gerta die kalte Schulter zeigt, während die völlig verstrahlte Gerta glaubt in ihm die große Liebe gefunden zu haben. Sie stellt sich immerzu selbst in Frage wenn es um Kay geht, interpretiert belanglose Dinge als Beweise von Kays Zuneigung für sie und trifft Aussagen wie die, dass Kay etwas besseres als Gerta verdient habe, oder dass er sie unter seiner abweisenden Fassade in Wahrheit aufrichtig liebt. Gertas Gedanken sind zum Teil durchaus unangenehm realistisch und erinnern einen an so manch ungesunde Jugendliebe. Dennoch ist sie im ersten Teil der Handlung letztlich ein extrem Nerven zermürbender Kleingeist der sich dermaßen anbiedert, dass man dem Mädchen zeitweise gerne zum Gnadentod verhelfen würde. Glücklicherweise wandeln sich die Dinge, sobald Gerta ihre Rettungsmission antritt und ihre Erfahrungen, außerhalb des Dorfes, ihr liebeskrankes Verhalten mehr und mehr ersetzen. Amüsante Details wie etwa dem, dass Gerta sich bei ihrem langen Fußmarsch eine Blase läuft, sorgen endlich für erste Momente des Kicherns.

Die Autorin hält sich bei Gertas Reise im wesentlichen stark an den Ablauf des ursprüngliches Märchens und so kommt Gerta zunächst einmal in den Garten der Hexe, wo sie monatelang in einem magischen Bann gefangen gehalten wird. Jede Station birgt auch Lektion für die Reisende und die Leserschaft. Später trifft Gerta dann auf den Raben Mousebones der mit besserwisserischen Sprüchen, nicht eindeutigem Geschlecht und gesundem Ego Schwung in die Handlung bringt. Man könnte sagen das Erscheinen von Mousebones markiert den Wendepunkt von The Raven And The Reindeer, denn ab hier geht es stetig bergauf und steigert sich sowohl in Sachen Witz, als auch darin was die Eigeninterpretation des Märchens angeht. Die Handlung beginnt etwas mehr von der Vorlage abzuweichen und sich auf neue Ideen zu konzentrieren. Richtig spannend wird es ab dem Zeitpunkt als Janna mit ins Spiel kommt. Die dunkelhäutige Räubertöchter sorgt für ordentlich Verwirrung in Gertas Leben und bringt sie auf völlig neue Ideen. Jannas Figur ist insgesamt das völlige Gegenteil von Gerta. Sie ist selbstbewusst, draufgängerisch und ein ungezähmter Freigeist. Mit Janna kommt auch das im Titel erwähnte Rentier in die Handlung. Was folgt ist eine phantastische Episode in der Formwandler den magischen Wegen der Rentiere durch eine weite Schneelandschaft folgen, bis hin zum Schloss der Schneekönigin, wo geschwätzige Riesenotter albern herumtollen.

Man muss sagen The Raven And The Reindeer liefert einen schwierigen Einstieg und die Schneekönigin selbst hat nur eine unbedeutende Nebenrolle in der Handlung, dafür gibt es aber insgesamt viele andere sympathische (Frauen-)Figuren, die mal mehr und mal weniger abgebrüht sind. Es ist letztlich aber vor allem die Geschichte von Gerta die erwachsen wird und mehr zu sich selbst findet als zu Kay. Es gibt sicher ein paar Dinge die mir etwas übertrieben erscheinen, doch je näher man dem Ende der Geschichte kommt, desto unterhaltsamer, amüsanter und zauberhafter wird dieses neue, moderne und gleichzeitig alte Märchen, das man tatsächlich nicht verpassen sollte. Es stecken viel Witz, Magie und durchaus ernste Botschaften in dieser zeitgemäßen Interpretation der Schneekönigin. Unter dem Strich gibt es also eine klare Leseempfehlung von mir.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/r/the-raven-and-the-reindeer