Rezensiert: Winter

Winter (The Lunar Chronicles) - Marissa Meyer

Die Schlinge um Königin Levanas Hals zieht sich enger zusammen. Cinder und ihre Freunde sind entschlossen die Mondkönigin zu Fall zu bringen und den Krieg zwischen Mond und Erde zu einem friedlichen Ende zu bringen. Während Kai direkt an der Front steht und mit Levana vor den Traualtar treten muss, schleichen sich Cinder und die anderen auf Luna ein, um eine Revolution zu starten. Doch schon bei ihrer Ankunft beginnen die Dinge anders zu laufen als es die Gruppe geplant hatte.

 

 

Winter’s toes had become ice cubes. They were as cold as space. As cold as the dark side of Luna.
– One

 

Alles hat ein Ende, auch die Lunar Chronicles. Mit Winter ist der Autorin ein durchaus würdiges Ende gelungen, wenn auch mit ein paar Abzügen.

Fangen wir mit den guten Sachen an!

In Winter lernen wir die gleichnamige Stieftochter von Levana noch etwas intensiver kennen, als in den vorherigen Bänden. Sie ist eine sympathische Figur, die vor allem durch ihren mental zerbrochenen Zustand unheimlich liebenswert wird. Von allen Figuren ist Winter wohl auch die tragischste, auch wenn man das vielleicht erst auf den zweiten Blick wirklich merkt. Sie weiß, dass ihr Verstand nicht richtig funktioniert und dass sie halluziniert. Sie ist aber trotz ihres Handicaps clever und weiß wie sie ihre Schwächen zu ihrem Vorteil einsetzen kann. Dieser Gegensatz macht Winter auch zu einer spannenden Figur. Seltsamerweise ist es ausgerechnet Scarlet – die ich bisher eher nervig fand – die sich als perfekte Ergänzung zu Winter herausstellt. Beide Charaktere gewinnen von der Interaktion miteinander und Scarlet macht ihr anfänglich ständiges in Not sein durch ihre zunächst unfreiwillige Sorge um Winter wieder wett.
Es ist aber doch ein wenig schade, dass der Serienabschluss mit Winters Geschichte zusammenfallen musste. Ihr Charakter und ihr Verhältnis zu Wächter Jacin ist so komplex, dass sie es verdient hätte ihren eigenen Buchband zu bekommen. Denn so verschwindet sie ein wenig unter den zahlreichen Ereignissen, doch dazu später mehr.

Die Figuren der Buchreihe bleiben individuell und ihrer Persönlichkeit treu. Man hat nie das Gefühl, dass sie sich plötzlich untypisch verhalten würden und ein paar von ihnen müssen ordentlich Federn lassen bzw. Finger. Marissa Meyer beraubt ihre Figuren nicht nur einmal körperlicher Perfektion, was mit Cinder als Cyborg natürlich der stärkste Bruch ist, aber eben auch noch an anderen Kleinigkeiten herauskommt. Mal abgesehen von Winter, die trotz ihrer Narben die Schönste im Lande ist (schließlich ist ihre Vorlage Schneewittchen), liegt die Schönheit der restlichen Figuren hauptsächlich in den Augen ihrer Partner oder ihrer eigenen Wahrnehmung. Es entsteht allgemein ein deutlich gesünderes Selbstbild als es sonst in den Medien üblich ist.
Damit auf zum nächsten Punkt, der hätte schief gehen können, aber es zum Glück nicht tat.

Es gibt eine Menge romantischer Verwicklungen in diesem Buch. Jede Märchenprinzessin hat ihren Prinzen und jede einzelne Person hat ihre persönlichen Probleme und Ängste. Dennoch bleibt das Thema Romantik dezent am Seitenrand. Wo sich die meisten anderen Fantasy-Jugendbücher jetzt in eine triefende Schmalzschmonzette verwandeln würden gehen die Figuren in Winter weiter ihrem Hauptziel nach. Sie schmuggeln sich in den Palast ein, untergraben Levanas Autorität, befreien sich aus ihrer Gefangenschaft, sabotieren Nachrichtendienste, mobilisieren die unterdrückte Gesellschaft, verlieren sich und finden sich wieder. Sie bluten, kämpfen, stecken Rückschläge ein und beißen sich weiter durch. Sie verlieren eben nie ihr Ziel aus den Augen. Dass es am Seitenrand dann auch zwischendurch zu kleinen, liebevollen Momenten kommt wirkt ausnahmsweise angemessen. Wie ein positiver Gegenpol zu der ganzen Action. Schon allein weil das Spiel zwischen Haupthandlung und Liebenden endlich einmal ordentlich gelöst wurde, kriegen die Lunar Chronicles einen extra Bonus von mir.

Innerhalb der Buchreihe ist Winter für mich trotz aller guten Eigenschaften aber doch der eher schwächste Band. Es passiert einfach zu viel. Manches zieht sich ewig in die Länge, anderes wiederholt sich und wieder anderes wirkt abgekupfert. Sehr negativ aufgefallen ist z.B. die Unterteilung und Eigenart der Arbeitsdome des Mondes. Da könnte man praktisch den nahtlosen Wechsel mit den Distrikten der Hunger Games vollführen und man würde den Unterschied nicht bemerken. Die Ähnlichkeiten wiederholen sich in den Propagandavideos des Palastes und etlichen anderen Kleinigkeiten. Das hat den bis hierher eigentlich sehr gelungenen Weltenbau ein wenig zerstört. Obwohl der letzte Band zudem doppelt so lang ist wie die bisherigen Bücher, kommt es bei der Menge an Figuren und offenen Handlungssträngen vor, dass bestimmte Entwicklungen zu hektisch abgehakt erscheinen und manche Möglichkeiten nicht zu Ende gedacht. Was natürlich ein Widerspruch zu meiner vorherigen Aussage über die Längen ist. Die Balance stimmt einfach nicht so richtig in Winter und ich denke die Autorin hat sich öfter mal für Notlösungen entschieden, da sie einfach zum Schluss kommen musste. Mit etwas weniger Zeitdruck hätten sich manche Dinge sicher eleganter lösen lassen, denn gerade das Ende kommt ein wenig zu salopp und gehetzt daher. Das ist wirklich schade.

Unter dem Strich endet diese Buchreihe zwar nicht so stark wie sie begonnen hat, eine Leseempfehlung gibt es aber weiterhin. Denn trotz der Mängel des letzten Bandes sind die Lunar Chronicles eine der wenigen Jugendbuchreihen, die eine ereignisreiche Handlung und ungewöhnliche Ideen bietet, statt einer 08/15-Teenie-Schmonzettenheldin die sich nicht zwischen zwei Arschgeigen – äh, Verzeihung … zwischen zwei supersüßen und voll mysteriösen Arroganzschleudern – entscheiden kann.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/w/winter