Unforgettable - Karin Kallmaker

Rett Jamison verdient ihren Lebensunterhalt als Jazz-Sängerin. Sie hat eine großartige Stimme, doch der Durchbruch lässt noch auf sich warten. Nicht zuletzt wegen Retts Lebensgefährtin Trish, die gleichzeitig auch ihre Managerin ist und immer wieder gute Chancen verbaut. Trish nimmt es zudem mit der Treue nicht allzu ernst. Als sie Rett ein mögliches Engagement von Disney verdirbt und die Sängerin in deren Bett mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau betrügt, setzt Rett sie auf die Straße. Bald steht für Rett auch noch das gefürchtete Klassentreffen bevor, wo sie sich der Frau stellen muss, die ihr als Teenagerin das Herz gebrochen hat.

How often had Trish followed those pronouncements with reminders that Rett wasn’t making any more this year than she had last year, yet their expenses had gone up? How long had Rett had the sinking awareness that her career was cooling off when she could least afford to fade away? Forty was a steel wall for many singers. - Kapitel 1


Karin Kallmakers Unforgettable (Unvergessen) ist wieder ein Buch, für dessen Rezension ich nur schwer einen Anfang finden konnte. In weiten Teilen ist die Handlung recht abwechslungsreich und bietet auch gute Unterhaltung. Was den Einstieg einer Bewertung so schwierig macht ist wohl eher die Tatsache, dass sich Unforgettable mit sehr alltäglichen Problemen befasst und dabei oft übers Ziel hinausschießt.

Die Handlung konzentriert sich auf Rett, deren Leben mit knapp vierzig nicht ganz so harmonisch verläuft, wie sie sich das gewünscht hat. Ihre Karriere befindet sich auf einem kritischen Level mit Tendenz abwärts und ihr Selbstbewusstsein hat auch schon bessere Tage gesehen. Die Trennung von ihrer Langzeitfreundin Trish wird allerdings in vielerlei Hinsicht zum Wendepunkt für Rett. Da wird nicht nur die ungesunde Beziehung endlich beendet, aus der bis dahin etwas unterwürfig erscheinenden Rett wird von heute auf morgen eine insgesamt stolze und selbstbewusste Frau. Die Engagements steigen wieder und auch privat tritt eine neue Frau in Retts Leben.

Retts Charakter ist in vielerlei Hinsicht interessant, was wohl vor allem ihrem Beruf als Sängerin geschuldet ist. Die Autorin schildert den Gesang recht glaubhaft und man gewinnt den Eindruck, dass sie sich damit auskennen muss. So wird dem Roman ein Hauch von der Eleganz der goldenen 20er Jahre zuteil, dem rauchigen Aroma eines Film Noir und dem Pomp einer Big Band. Gleichzeitig gibt es auch Einblicke hinter die Kulissen, in die Gedanken und Vorbereitungen kurz vor einem Auftritt. Irritierend dabei ist Retts manchmal etwas gespalten wirkende Persönlichkeit. In manchen Beziehungen wirkt sie recht unsicher und hormongesteuert, dann ist sie wieder jemand der unaufhaltsam wirkt und keinerlei Unsicherheit zu kennen scheint. Eigentlich würde ich das gerne unter »Ambivalenz einer Person« verbuchen, aber es wirkt einfach nicht glaubhaft. Außerdem schien der Autorin Retts großes Gesangstalent nicht gereicht zu haben, darum hat sie ihr auch noch ein eidetisches Gedächtnis verpasst. Soweit, so naja …

Dieses »naja« setzt sich dann auch in anderen Figuren fort. Es gibt eine gute Hand voll Nebencharaktere, die dieser romantischen Erzählung einen durchaus unterhaltsamen Aspekt beisteuern. Besonders wichtig ist natürlich Angel, die zunächst als eine spontane Affäre in Erscheinung tritt, dann aber eine wichtige Rolle in Retts Leben einnimmt. Angel ist eine preisgekrönte und angesehene Wissenschaftlerin, die vor allem auf dem Gebiet der Erforschung von Brustkrebs agiert. Eine weitere wichtige Person in Retts Leben ist ihre Agentin und Managerin Naomi, ebenso die alte Schulfreundin Cindy, der sich Rett im Laufe eines Klassentreffens erneut stellen muss. Alle Frauen sind um die vierzig, manche kämpfen noch mit ihrer Identität, andere haben sich von der grauen Maus zur verführerischen Schönheit entwickelt. In Unforgettable sind fast ausschließlich Frauenfiguren unterwegs – Männer haben nur kurze Auftritte – die zudem alle überdurchschnittlich erfolgreich, begabt und in den meisten Fällen lesbisch sind. Die Quote lesbischer Frauen ist schon sehr unrealistisch hoch, angesichts der gewählten Szenerie eines Kleinstadt-Klassentreffens.

Etwas zu stark konstruiert erscheint auch der Versuch der Autorin zusätzlich noch so viele ernste Themen hinein zu quetschen. Da ist einmal Angels Forschungsgebiet: Brustkrebs. Zwar grundsätzlich wichtig anzusprechen, im Rahmen dieser Handlung aber eher auf einen moralischen Fingerzeig am Wegesrand reduziert, der zum Augenrollen animiert. Ein anderer Stolperstein ist Retts Auseinandersetzung mit ihrer lieblosen Mutter, die sie aus guten Gründen seit dem Schulabschluss nicht mehr gesehen hat. Da das Klassentreffen in ihrer alten Heimatstadt stattfindet sieht sich Rett auf einmal verpflichtet ihre ansässige Mutter noch einmal zu konfrontieren. Es fällt sehr schwer diesen Gedankengang der Autorin nachzuvollziehen und es scheint eher der Versuch zu sein, politisch möglichst korrekt aufzutreten. Warum sollte man sich mit jemandem versöhnen wollen, von dem man sich aus Selbstschutz entfernt hat? Keine Ahnung ehrlich gesagt und die Episode endet dann auch wie man es erwarten kann und führt den ganzen Handlungsstrang ad absurdum.

Einen kleinen Abzug gibt es außerdem für mangelnde Rechtschreibung. Wenn das selbst jemandem auffällt der Englisch weder als Muttersprache hat noch ein großes Ass in diesem Schulfach war, dann solle man sich als Verlag vielleicht überlegen einen (neuen) Korrektor einzustellen. Insgesamt macht das Buch leider den Eindruck in Eigenregie entstanden zu sein. Dafür ist es ganz gut, aber es fehlt eindeutig der Feinschliff in Sachen Logik und Präsentation.

Hauptsächlich ist Unforgettable also die Geschichte einer Frau die sich aus einer ausbeuterischen Beziehung befreit, sich neu verliebt und einen Weg zwischen Liebe, Karriere und den Geistern ihrer Vergangenheit sucht. Dass die Figur lesbisch ist gibt dem ganzen eine nette Abwechslung und es ist selten genug, dass das Thema in Romanen eine ungezwungene und wertungsfreie Anwendung findet. Außerdem ist Unforgettable eine nette Abwechslung zur sonst patriarchalisch dominierten Erzählwelt. Wer also mit der Zeit geht und das Glück hat aufgeschlossen zu sein, der wird mit diesem kurzweiligen Roman, trotz verschiedener Mängel, eine nette Zeit verbringen können.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/u/unforgettable