Wer ist die böseste im ganzen Land?

Fairest - Marissa Meyer

Lange bevor Levana die tyrannische Königin von Luna wurde war sie die kleine ungeliebte Schwester der Kronprinzessin Channery. Seit ihrer frühen Kindheit entstellt führt sie ein eher duckmäuserisches Leben und versteckt ihr wahres Aussehen hinter ihrem Glimmer. Doch als ihre Eltern ermordet werden und Channery zur Königin gekrönt wird, beginnen sich die Dinge zu ändern und mit ihnen ändert sich auch Levana.

 

The pain was relentless, the agony never ending. She pleaded for death, but it never came.

Vielleicht hätte aus Levana ein netter Mensch werden können, wenn die Umstände anders gewesen wären, doch dann hätte dieses Prequel zu den Lunar Chronicles nichts zu erzählen und wäre nie entstanden. Fairest liefert uns also nun die ganze Hintergrundgeschichte der fiesesten Königin, die der Mond je gesehen hat. Ausgehend von dem Märchen Schneewittchen, erfahren wir was hinter Levanas Schönheit lauert und wie es dahin gekommen ist.

Fairest ist etwas kürzer als die übrigen Bände dieser Buchreihe und ist in vielen Teilen ernster und bisweilen sogar etwas bitter. Der Roman beginnt zu einer Zeit da Levana gerade ein Teenager von fünfzehn Jahren ist, der schon seit frühester Kindheit an von der älteren Schwester schikaniert und gequält wird. Als Zweitgeborene muss sie daher ein insgesamt duckmäuserisches Leben führen, in der Hoffnung so den Schikanen ihrer älteren Schwester zu entgehen. Es wird kaum besser als Channery zur Königin gekrönt wird. Man muss an dieser Stelle feststellen, dass Levanas gesamte Familiengeschichte eine sehr lieblose ist und niemand wirklich etwas für die eigene Familie übrig hat. Auch die Eltern waren grausame Herrscher und es berührt eigentlich niemanden, auch nicht die beiden Töchter, dass sie ermordet werden. Das allein sagt vermutlich schon genug darüber aus, was für ein Umfeld das Königshaus bietet.

Kein Wunder also, dass Levana nicht netter geraten ist. Trotzdem möchte man anfangs glatt Mitleid mit der späteren Königin haben, was zu beinahe schizophrenen Gefühlen bei der Leserschaft sorgen kann. Denn kennt man die eigentlichen Romane um Cinder, Scarlet und Cress bereits, dann ist man darauf eingestellt Levana mit Herz und Seele zu verteufeln. In Fairest erlebt man aber plötzlich eine zerbrechliche Seite von ihr und in dem Wissen, was später aus ihr wird, ist man hin und her gerissen in den eigenen Gefühlen für sie. Doch die Autorin erweist sich als gnädig und erinnert ihre LeserInnen bald daran wer Levana ist und wohl auch schon immer war. Levanas anfänglich gute Absichten in Bezug auf das Volk von Luna beispielsweise, werden nach und nach zu einer krankhaften Obsession die sich ins Gegenteil verkehrt. Ähnlich verhält es sich mit dem Palastwächter Everett in den Levana sich früh verliebt, der ihre Liebe aber nicht erwidert und um seine frisch verstorbene Frau trauert. Levana dagegen sieht den Tod der Frau als Willen des Schicksals und zwingt Everett mit Hilfe ihrer Gabe in eine manipulative Beziehung bis hin zu einer erzwungenen Ehe. Die Art wie sie mit Everett umgeht ist es, die Fans der Buchreihe die spätere Levana erkennen lässt. Sie steigert sich in ihre kompromisslosen Phantasien hinein und ist regelrecht besessen von ihm – ohne Rücksicht auf Verluste.

Fairest erzählt aber nicht nur Levanas Geschichte, es liefert auch viele Verknüpfungen die bisher nur angedeutet waren. Nebenfiguren aus den Hauptromanen tauchen auf und es gibt viele Einzelheiten zu dem was mit Cinder geschehen ist und vor allem wieso. Es wird auch klar was hinter Königin Levanas Ansinnen, die Erde zu beherrschen, steckt. Man erfährt wie die Gesellschaft von Luna aufgebaut ist und wo sie ihren Ursprung hat. Kurz gesagt, es werden viele Verbindungen deutlich, die aus kleinen Nebeninfos lebendige Details machen.

Dieses Prequel spielt zeitlich lange vor Cinder, dem ersten Roman der Reihe. Entsprechend kann man Fairest natürlich auch als Einstieg wählen ohne sich dabei für die späteren Bände zu spoilern. Wer eine Empfehlung will dem rate ich dennoch diese Geschichte erst nach Cress einzuschieben (aber definitiv vor Winter), da es das Leseerlebnis von Fairest durch die zahlreichen Aha!-Erlebnisse einfach spannender macht. Weniger humorvoll als die Hauptbücher mag Fairest zwar sein, aber eine spannende und charakterstarke Ergänzung ist es dafür allemal. Daher gibt es auch hier wieder eine unbedingte Leseempfehlung für Fans der Buchreihe und solche die es noch werden wollen.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/f/fairest