Sklaverei ist Freiheit! … Moment, was?

1984 - GEORGE ORWELL

In Winstons Welt gibt es keine Gesetze, es gibt nur Regeln. Wer sich nicht an die Regeln hält verschwindet und jeder Hinweis auf seine Existenz wird vollständig gelöscht, als habe dieser Mensch nie existiert. Es gibt ein ganzes Ministerium das tagein, tagaus damit beschäftigt ist, die Vergangenheit den aktuellen Geschehnissen anzupassen, denn die Partei hat immer recht und irrt sich nie und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Doch Winston hat ein Problem. Er verachtet die totalitäre Welt in der er leben muss, eine Welt die absoluten Gehorsam verlangt und jeden freien Gedanken, jede Bewegung überwacht. Big Brother ist überall. In seinem Bedürfnis nach einem Hauch von Freiheit und Liebe lässt sich Winston schließlich auf eine geheime Affaire mit seiner Kollegin Julia ein und sucht nach der Widerstandsbewegung. Doch Big Brother sieht und hört alles und schon bald lernt Winston den wahren Horror seiner Regierung kennen.

 

 

The thing that he was about to do was to open a diary. This was not illegal (nothing was illegal, since there were no longer laws), but if detected it was reasonable certain that it would be punished by death, or at least by twentyfive years in a forced-labour camp.

 

1948 hat George Orwell einen Zukunftsroman erschaffen und ihn 1984 genannt. Er beschreibt darin eine Welt die sich in drei gleich starke Supermächte aufgeteilt hat – Ozeanien, Eurasien und Ostasien – die sich im ständigen Krieg miteinander befinden. Das besondere daran ist allerdings, dass ein Sieg gar nicht mehr das Ziel ist, denn der seit ca. 40 Jahren andauernde Krieg ist inzwischen zu einem Instrument geworden, um totalitäre Regierungsformen aufrecht erhalten zu können und das eigene Volk in seiner aktuellen Entwicklungsform einzufrieren. Auf gewisse Weise wird 1984 dadurch vollkommen absurd, weil es das oberste Ziel ist den Menschen jede Freude am Leben auszutreiben, jedes eigenständige Denken, jedes Streben nach Veränderung und sie im Grunde in funktionierende, emotionslose Maschinen zu verwandeln. Selbst die Parteivorsitzenden haben sich selbst dermaßen Gehirngewaschen und die Lüge so unumstößlich zur Wahrheit gemacht, dass sie ihre Individualität freiwillig aufgeben. Die ganze Ideologie dieser Gesellschaft ist völlig pervertiert, weil man der Macht dient, wie einer körperlosen Gottheit. Die Gesellschaft strebt nicht nach Gleichberechtigung, Nächstenliebe oder Fairness, sie stellt ihre Grundpfeiler bewusst auf Hass und Unterdrückung. Nicht nur einmal habe ich mich bei der Lektüre von 1984 gefragt welchen Sinn der Fortbestand der Menschheit unter solchen Bedingungen hätte und weshalb sich die drei Supermächte nicht einfach gegenseitig völlig auslöschen. Es ist wirklich schwierig diesen Roman richtig zu beschreiben, weil er so unglaublich viele komplizierte Gedanken und Fragen aufwirft. Aber es ist ziemlich spannend die Ideen den Autors zu verfolgen, besonders das kontinuierliche Auslöschen der Vegangenheit und das damit verbundene Vergessen der Auslöschung … Hier ist eine gewaltige Maschinerie der Propaganda und Gehirnwäsche am Werk in der Folter, Mord, Freiheitsberaubung und Unterdrückung den Alltag ausmachen ohne dass die Menschen es bewusst wahrnehmen würden.

Als Leser erleben wir diese Welt durch die Augen von Winston Smith, der ein Teenager war, als die aktuelle Regierungsform die Führung übernahm und die älteren Generationen in einer Säuberungswelle ausgelöscht hat. Er ist also eine Art Relikt aus der alten Zeit und als solches eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Denn die Partei hat eine Welt im Sinn für die Winstons noch so rudimentären Erinnerungen und Sehnsüchte schädlich sind. Und tatsächlich kann Winston sich nicht dagegen wehren, dass er mehr vom Leben will, als das was Big Brother erlaubt und er fragt sich, ob die alte Welt nicht besser war. Winston empfindet Einsamkeit und fühlt sich in seinem Leben gefangen. Er sehnt sich nach Liebe, Freiheit, und Privatsphäre. Sein Charakter sorgt dafür, dass man sich fragt wie frei man selbst tatsächlich ist und wie viel von Orwells erschaffener Welt eigentlich Fiktion oder Wahrheit ist. Es ist außerdem sehr interessant zu sehen, wie viele Bezüge und Begriffe aus diesem Roman inzwischen in unseren Alltag eingezogen sind.
Winstons jüngere Partnerin Julia wirkt aus heutiger Sicht etwas stereotyp, da sie sich nur für sich selbst interessiert und kein Interesse an Politik oder der Zukunft hat. Sie lebt den Moment und schläft ein, wenn Winston ernste Themen ansprechen will. Anders als Winston hat sie aber keine Erinnerungen an eine Zeit vor Big Brother und versteht die alte Bedeutung von Familie, Vertrauen, Freiheit, etc. nicht.

1984 ist ein furchtbares, scheußliches und geniales Buch. Ich liebe es und ich hasse es. Auf der einen Seite beschreibt es diese Welt in der absolut keine Hoffnung und kein Ausweg in irgendeiner Form existieren, was einfach enorm frustrierend ist (und deswegen gibt es auch nur vier Sterne). Auf der anderen Seite funktioniert 1984 als Dystopie aber so gut, dass man das Buch trotz der erschreckenden Ereignisse und der Ausweglosigkeit nicht aus der Hand legen will. Allerdings bin ich sehr froh, dass ich es ein paar Jahre auf dem SUB habe liegen lassen und mich erst einmal mit anderen, leichteren Büchern in diese Gattung eingelesen habe. Denn ich bin mir sicher, dass ich 1984 vor ca. 3 Jahren noch als frustrierenden Schund in die Ecke gepfeffert und mich fürchterlich darüber aufgeregt hätte. Die klassischen Dystopien spielen zumeist doch in einer etwas anderen Liga als das, was moderne Dystopien bieten. Sie sind selten darauf bedacht den Leser mit Hoffnung oder bittersüßer Nostalgie zu entlassen – wie es z.B. in The Chrysalids noch der Fall ist – sie gestatten den Protagonisten selten einen Triumph.

Fazit:
Bücher wie 1984 gehen an die Substanz und führen einem vor Augen was es heißt wirklich machtlos und ausgeliefert zu sein ohne auf Hilfe hoffen zu können oder wenigstens ein Fluchtziel zu haben. Man könnte tausende Details aus dem Roman aufzählen die erklären würden, warum das Buch dennoch gut ist und doch würde man dabei ebensoviele wichtige Details vernachlässigen. Obwohl 1984 keinen Spaß macht im herkömmlichen Sinn, ist es doch unterhaltsam und spannend. Wer eine wirklich intensive dystopische Welt sucht, der wird um diesen Roman nicht herum kommen. Es kann aber von Vorteil sein sich erst einmal langsam an dieses Genre heranzutasten und mit weniger schwerer Kost zu beginnen, damit man es sich mit1984 nicht verdirbt.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/n/nineteen-eighty-four-1984