Re-Read: The Giver

Hüter der Erinnerung: Roman - Lois Lowry, Anne Braun

Jonas Welt ist perfekt. Sie kennt weder Kummer, Schmerz, Hunger, Tod noch Konflikte. In Kürze wird er außerdem zu den Zwölfern gehören und erfahren, welchen Job er für sein zukünftiges Leben zugeteilt bekommt. Doch als er schließlich zum neuen Hüter der Erinnerungen auserwählt wird gerät Jonas Welt ins Wanken. Plötzlich lernt er Dinge über seine Gemeinschaft, die ihn an allem zweifeln lassen, was er bisher zu wissen geglaubt hatte.


He had waited a long time for this special December. Now that it was almost upon him, he wasn’t frightened, but he was … eager, he decided. He was eager for it to come. And he was excited, certainly. All of the Elevens were excited about the event that would be coming so soon.


Das erste Mal habe ich The Giver – bzw. damals die deutsche Übersetzung Hüter der Erinnerung – 2001 gelesen. Es war eines dieser Bücher die mir ausgeliehen, ja beinahe schon aufgedrängt wurden und die mich dann nicht nur überrascht, sondern auch über die Jahre hinweg im Hinterkopf begleitet haben. Da mich die kürzlich entstandene Verfilmung dann als Trailer heimsuchte und der so gar nichts mit dem zu tun hatte was ich in Erinnerung hatte, beschloss ich einen Re-Read, diesmal im englischen Original.

The Giver ist ein dystopischer Roman, der irgendwann in der Zukunft spielt. Die Gemeinschaft in der Jonas lebt hat die Gleichheit oder vielmehr die Vereinheitlichung eingeführt und das ganze Leben ist streng strukturiert und organisiert. Es gibt keine Entscheidungen mehr zu treffen, denn Entscheidungen können falsch sein. Darum gibt es für alles genormte Vorgaben. Es beginnt bereits bei der Zeugung neuer Kinder, die im Genlabor gezüchtet, von Leihmüttern ausgetragen und an Familieneinheiten ausgeteilt werden. Die Menschen selbst sind ebenfalls genetisch angepasst, damit sie einander möglichst ähnlich sind. Keine unterschiedlichen Hautfarben mehr, nur ab und an noch hat ein Neugeborenes hellere Haare oder, wie in Jonas Fall, hellere Augen. Besondere Auffälligkeiten wie diese oder herausstechende Talente werden jedoch von der Gemeinschaft nicht explizit angesprochen. Das wäre unhöflich und für die Empfänger möglicherweise unangenehm. Lois Lowry zeichnet in diesem Buch eine scheinbar perfekt funktionierende Gesellschaft, in der selbst Ehepartner und Beruf von der Gemeinschaft bestimmt werden und niemand würde das je als falsch empfinden. Denn Empfindungen stören die Gleichheit und wurden deshalb durch Medikation auf ein absolutes Minimum reduziert. Es herrscht Friede und Wohlstand in der Gemeinschaft und wenn sich doch einmal jemand nicht an die Gesellschaft anpassen lässt, wird diese Person »entlassen«.

Jonas Ernennung zum neuen Hüter der Erinnerung krempelt dessen Leben dementsprechend völlig um, denn der Hüter ist eine Besonderheit in dieser Gesellschaft, da er die Erinnerungen und Empfindungen zahlloser Generationen in sich aufnimmt und von allen Regeln der Höflichkeit befreit ist. Erinnerungen, die dem Rest der Gemeinschaft damit erspart bleiben und ihnen den sorglosen Gleichmut sichern.
Man könnte nun sagen das klingt alles nach nicht sehr viel Unterhaltung, doch der Eindruck täuscht gewaltig. The Giver ist eine sehr eindrucksvolle, bewegende Geschichte. Es gibt Szenen die in ihrer offen gelegten Bedeutung so schockierend und eindringlich sind, dass sie einen für immer begleiten werden. Das ist eine erstaunliche Leistung, besonders wenn man bedenkt, dass es sich bei The Givereigentlich um ein Jugendbuch handelt und somit vieles nicht direkt gesagt wird, was altersgemäß unangebracht wäre. Als erwachsener Leser hingegen offenbaren sich hinter kleinen Randbemerkungen weitere, verborgene Bedeutungen.

Die Welt, in der Jonas zuhause ist, lernen wir als Leser vor allem durch die Augen der Charaktere kennen. Anhand der Gespräche und der Beschreibung ihrer täglichen Prozedere. Die Autorin lässt sich relativ viel Zeit damit die Leserschaft in die Gesellschaft einzuführen, ehe sie einen durch Jonas neue Erfahrungen durchrüttelt. Auf gerade einmal 200 Seiten werden so viele wichtige Themen und Emotionen transportiert, die aktuellere Dystopien im Vergleich wie müde Versuche wirken lassen. Das zeigt sich vor allem auch in einer funktionierenden und in sich logisch erklärten Gesellschaftsform, wohingegen heute kaum noch Wert auf eine glaubhafte Umgebungsstruktur für die Figuren gelegt wird. Es ist schade, dass nun auch diese Verfilmung hier eher einem aktuellen Trend nachjagt, einen gänzlich neuen Handlungsstrang hinzufügt und eine ordinäre Liebesschnulze aus The Giver macht, denn das kann dem Roman keinesfalls gerecht werden. Bei Gelegenheit werde ich mir das Machwerk trotzdem ansehen, aber viel gutes erwarte ich davon nicht.

Einzig das Ende von The Giver könnte bei der ein oder anderen Leseratte für Frustration sorgen, da das Ende einen eher mit Spekulationen als mit Antworten zurücklässt. Denjenigen kann jedoch geholfen werden. Da The Giverzwischenzeitlich zu einer Reihe ausgeweitet wurde, bekommt man die Antwort auf Jonas tatsächliches Schicksal im dritten Band, Messenger.

Fazit:
Wer ein echter Dystopie-Suchti sein will, für den können Bücher wie The Hunger Games (auch wenn das noch recht gut geraten ist) oder Divergent allenfalls ein Einstieg sein. Also, liebe Mitsuchtis, schnappt euch The Giver! Das Buch ist kurzweilig, aber enorm wirkungsvoll und wird euch lange in Erinnerung bleiben.

Quelle: http://moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/g/the-giver