Sarkasmusschleuder oder Jammerlappen – das ist hier die Frage

The Gospel of Loki - Joanne Harris

Loki, nordischer Gott der Lügen und Tricksereien, erzählt in diesem Roman wie die Dinge aus seiner Sicht geschehen sind. Beginnend mit Lokis Rekrutierung aus dem Chaos und dem Aufstieg der nordischen Götter, geht die Erzählung weiter mit seinen vielen Aufträgen und Tricksereien, bis hin zum Untergang der neun Welten – bis hin zu Ragnarök.

 

It all begins so hopefully, but these worlds we build for ourselves are all just castles in the sand, waiting for the evening tide.

- Lesson 2, Aesir and Vanir, S. 9

 

The Gospel of Loki war ein klarer Cover-Kauf, denn die Aufmachung ist insgesamt richtig gut geworden. Nicht nur der kunstvolle Umschlag mit dem geprägten Golddruck, auch der Innenteil wurde liebevoll gestaltet. Ein echtes Schmuckstück!

 

Der Roman startet dann auch sehr vielversprechend mit einer lebendigen und teils poetischen Sprache, die mit bildgewaltigen Beschreibungen aufwartet. Loki selbst agiert als Ich-Erzähler und schlägt dabei einen humorvollen, sarkastischen und wortgewandten Ton an, was für einen perfekten Start in die Lektüre sorgt.

Manches was man bisher zu wissen glaubte, wird in diesem Roman auf den Kopf gestellt oder zumindest verändert wiedergegeben und mit Humor in ein neues Licht gerückt. Die Figur des Loki erfährt dabei natürlich die stärkste Veränderung, da der zwar gewohnt trickreich ist, aber nicht ohne Emotionen, die verletzt werden können.

So baut man als LeserIn anfangs Verständnis und Mitleid auf und fühlt sich genauso betrogen von der Welt wie Loki selbst. Von den Göttern – insbesondere von Allvater Odin – herein gelegt, ausgenutzt und am Ende sogar von ihnen im Sich gelassen, lautet der beste Rat in »Lokabrenna«: traue niemandem! Nach allem was man über den Trickster erfährt, hat er jedes Mitgefühl verdient. Im Verlaufe der Handlung wird es jedoch schwierig dran zu bleiben.

 

Loki ist als Figur sehr geradlinig und steht zu seiner listigen Persönlichkeit. Vieles geschieht jedoch im Auftrag der restlichen Götter, so dass es wirklich leicht ist unseren Protagonisten zu verstehen. Problematisch wird es dadurch, dass unser »Humble Narrator« mit fortschreitender Handlung immer zynischer wird und immer stärker darüber meckert wie ungerecht alles ist. Der anfänglich humorvolle Ton kann die Wirkung so leider nicht durchgehend halten und erstickt in dem weinerlichen Gejammer dieser einst imposanten Figur. Der Roman muss schon dadurch einiges an Unterhaltungswert einbüßen, hinzu kommen dann aber noch langatmige Passagen, in denen die einzelnen Episoden der nordischen Mythologie der Reihe nach abgehakt werden und einem eher wie eine Pflichtliste vorkommen. Auch springt die Autorin gelegentlich von einer Szene in die übernächste, als setze sie voraus, dass man als LeserIn weiß was dazwischen passiert ist. Das ist zwar nicht dramatisch, aber doch irgendwie lästig.
Es wäre insgesamt sicher spannender geworden, wenn die Autorin ein bisschen mehr eigene Story entwickelt hätte, statt so akribisch nachzuerzählen.

 

Ab und an blitzt der Humor vom Anfang später noch einmal durch und schlägt beinahe die Wege eines Mel Brooks ein. Etwa wenn ein Fangirl ihr Büchlein und ein Stück (pinke) Kreide aus der Tasche zieht, um sich ein Autogramm ihres Lieblingsgottes geben zu lassen. Oder wenn Donnergott Thor einen seiner kleinen Ausraster bekommt. In solchen Momenten sind Lacher garantiert. Schade, dass dies nur noch wenige Ausnahmen sind. Die restlichen Charaktere sind kaum der Rede wert, sie scheinen mehr notwendige Requisiten zu sein.

Während man also, etwa ab der Hälfte des Buches, nur noch zusehen kann wie sich die Spirale immer schneller abwärts dreht, ist der letzte Lichtblick in The Gospel of Loki, der abschließende Satz. Wer gerne mal zum Ende vorblättert sollte das vielleicht diesmal bleiben lassen, da einem sonst Lokis letzter Streich entgeht. Der Satz bietet interessante Interpretationsmöglichkeiten und entschädigt ein wenig für den oft ermüdenden Rest.

 

Fazit:

Es ist wirklich schwierig eine klare Emotion für dieses Buch zu definieren. Manches macht wirklich Spaß, vieles langweilt ganz fürchterlich, anderes ist von der Idee her interessant, aber zu kurz gehalten. Irgendwie zielt Joanne M. Harris an den besten Stellen dauernd vorbei und so kann ich das Buch leider nicht empfehlen.